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ForumEpik & DramatikDM (Deutsche Mark) - Reminiszenz: „Wichteln“

DM (Deutsche Mark) - Reminiszenz: „Wichteln“


27.11.2011 08:23

Alle Jahre wieder: die Gestaltung der Weihnachtsfeier steht an. Es soll wie immer etwas Besonderes werden, die interne Feier muss gelingen.
Jeder darf sich dazu äußern, Vorschläge sollen, müssen gemacht werden. Neben der zu erörternden Frage, wer einzuladen sei, findet sich heuer plötzlich eine Liste an der Pinwand, wer denn nun für und wer gegen das traditionelle Wichteln sei. Reaktion der schon älteren Abteilungsleiterin: „Dann brauchen wir ja gar keine Weihnachtsfeier mehr zu machen!?“ Sie ist persönlich beleidigt, für sie gehört Wichteln dazu, sie schmollt ergreifend.
Ein revolutionärer Gedanke, gegen diesen Teil des Programms zu stimmen. So ergibt sich bald ein verhältnismäßig einfach auszuzählendes Gesamtergebnis von fünfzehn Pro- und fünf Kontrastimmen. Die Sache scheint klar, der Abstimmungszettel ist eines Tages verschwunden. Es wird also gewichtelt.

Doch nun geht es um die Ausführung der Aktion. Im Vorfeld muss eine Wichtelliste erstellt werden, auf der jeder seinen Wunsch (Gesamthöchstwert DM 30.-) einzutragen hat. Separat sind entsprechende Lose zu ziehen, mit Abhaken, damit keiner unbeschert bleibe. Das große Ereignis wird sein, nach der Bescherung durch die Abteilungsleiterin zu raten, wer denn nun den persönlich ausgedachten und aufgeschriebenen Wunsch „besorgt“ hat.

Plötzlich entbrennen (schließlich ist fast schon Adventszeit, wo es so schön heißt: ...ein Lichtlein brennt, erst eins, dann zwei, usw.) heiße Diskussionen: „Wer denn nur noch mal gegen das Geschehen gestimmt habe und wo denn nur die Abstimmungsliste abgeblieben sei, schließlich könne man doch keinen zwingen und müsse also besagte Wichtel - Gegner auf der noch zu erstellenden Liste entsprechend berücksichtigen,...“ Heftig wird debattiert.
Die Wogen glätten sich erst durch den souveränen Hinweis, dass bei einer demokratischen Abstimmung immer der Mehrheitsbeschluss von der Allgemeinheit zu akzeptieren sei und ergo nun alle wichteln werden.
Nun jedoch die Erstellung der Wichtelliste: fast jeden Tag hängt eine andere Fassung an der Tür. Die über die jeweils geänderten Namen und die geänderte Form entstehenden Diskussionen nehmen erschreckende Formen an. Es bilden sich Gruppen, Animositäten werden laut ausgesprochen, Meinungen werden polemisiert. Selten erregt hier ein Ereignis so hitzig die Gemüter, wie diese jedes Jahr anstehende Weihnachtsfeier mit dieser Wichtelei.
Kommt die eine Chefsekretärin, dann kommt die andere nicht! „Wer lädt denn so viele ein? Müssen wir das alles selbst bezahlen?“ (Klar ist, dass jeder Teilnehmer seinen Essensanteil selbst zu zahlen hat) Und vor allem die Fragen: „Wer wichtelt noch mit? Warum haben einzelne noch keine Wünsche aufgeschrieben? Was haben ehemalige Kollegen bei unserer Weihnachtsfeier zu suchen? Wann soll ich das alles besorgen? Was soll ich mir für 30.- DM wünschen?“
Viele aktuelle CDs stehen als Wünsche schon da. Kommentare wie „Die kosten aber 45.- DM!“ „Ist ja unverschämt!“ lösen Reaktionen aus wie: „Na gut, dann häng ich 15.- DM neben meinen Wunsch! Ich will diese CD!“
„Wenn bei meinem Wichtel nicht bis übermorgen ein Wunsch steht, hab ich keine Zeit mehr, es zu besorgen.“
Erlösend ein Gedanke: „Na gut, dann steck ich DM 30.- in ein Kuvert, schreib den Namen drauf und bin fertig.“ Diese Idee sollte vielleicht verinnerlicht werden.
Erneute Aufregung, ein Los wird (warum nur?) übrig bleiben. Also alles noch mal von vorne. Geht nicht, die Geschenke sind doch teilweise schon gekauft. Was nun? Großes Rätselraten. Sammeln und gemeinsam beschenken sei die Alternative, meint einer. Der erlösende Anruf: einer hatte sich abhaken lassen und hatte noch nicht gezogen. Alles gerettet.
Jubelnd klingen nun bald die Glöckchen, geglättet sind die Wogen, draußen schneit es sanft und sparsam, wenn es so bleibt, kann bei klirrender Kälte gewichtelt werden in der fröhlichen Weihnachtszeit (bei Kerzenschein in einer hoffentlich warmen Stube natürlich), die Abteilungsfeier ist gerettet.

Dorothea Herweg, 1999
kitkat
27.11.2011 20:09

Herrlich!!!
Genauso läuft es immer wieder ab, schön wenn es dann doch noch gut endet und jeder bis über beide Ohren strahlt weil " es ja mal wieder so eine schöne Feier" gewesen ist!

Danke für diese Geschichte, geschehen oder nicht auf jeden Fall wahr!

Liebe Grüße von Jutta

27.11.2011 20:27

Dankeschön, Jutta
für das "Herrlich!!!"

Liebe Grüße von Dorothea

28.11.2011 18:40

ja
da pflichte ich der Jutta bei udn schön hast das ausformuliert was da jedes Jahr in der ruhigsten Zeit des Jahres passiert!Besser gehts nicht!!!LG Anton

28.11.2011 19:27

Danke, Meister Anton...
Loriot muss vor dem Hintergrund solcher Ereignisse seine schon sehr schwarze Adventsballade mit dem Förster geschrieben haben. Sie ist schon seeehr makaber, ähnelt vielleicht auch - wenn auch eben als Ballade deutlich länger gefasst - an das Adventsgedicht von Herrn JackFrost. Ist jedoch auch seeeehr köstlich.

Heimeligkeiten einer an sich stillen Zeit, die in dem Perfektionismus - Gesuche mit all diesen implizierten Allüren so oft hinten runter fallen. . .

Liebe Grüße von Dorothea

 


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