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ForumEpik & DramatikEine Weihnachtsgeschichte

Eine Weihnachtsgeschichte


29.11.2011 08:36

„Das sind fünf der neun Musen, leider bin ich noch nicht…“. In der Tür zur Galerie, in der ich gerade Besuchern meine Bilder zu erklären versuchte, stand plötzlich eine Frau. Sie wurde von einem Mann um die Sechzig und von einer jüngeren Schwarzhaarigen begleitet.
Ich stockte in meiner Bilderklärung. Instinktiv wusste ich, diese Besucher kommen nicht nur meiner Bilder wegen. Ich kannte diese Menschen nicht und trotzdem fühlte ich, wir wären einander schon einmal begegnet.
Sie war ein bisschen mollig, ihr Gesichtsausdruck sehr gütig und freundlich, in ihren Augen stand etwas Suchendes. Wir hatten sofort Blickkontakt, und dabei huschte ein Lächeln über ihr Gesicht, als hätte sie gefunden, was sie suchte.
Ich gab ihr die Hand und begrüßte sie, wie ich das bei allen Besuchern tue. Wärme und Sympathie entstand bei dieser Berührung und, ohne ein Wort von mir abzuwarten, sagte sie zu ihren Begleitern, die mich ebenfalls mit großen, freundlichen Augen ansahen:“ Dies ist der Mann, der mit mir in einem Bett schlief.“
Verwirrung und verlegenes Durchforschen meiner Vergangenheit überkamen mich in Blitzesschnelle. Ohne Ergebnis. Ich kenne diese Frau nicht.
Ihre Augen, die immer lustiger und liebevoller wurden, wie bei Menschen, die sich an etwas Schönes, Gutes erinnern, wurden immer klarer. Meine Unsicherheit hingegen wuchs unaufhaltsam und krampfhaft versuchte ich, etwas zu sagen.
Der Verwirrung zweiter Teil kam, als sie zu reden fortfuhr: “Allerdings war dieser Mann“, und dabei zeigte sie mit ihrer Hand auf mich, „damals erst sechs Jahre alt.“
Nicht nachdenken, dachte ich, ich weiß es ohnehin nicht. Allerdings war ich doch etwas erleichtert, weil keine wie immer geartete Affäre hinter ihrer Aussage steckte. Ihre Begleiter lachten erheitert und auch etwas befreit auf, weil gefunden war, wie es schien, was zu finden sie gesucht hatten.
Immerhin wusste ich nun, die Angelegenheit musste mit meiner Kindheit zu tun haben. Doch leider sind meine Erinnerungen an diese, wohl unschuldigste, Zeit meines Lebens ver-schüttet. Die Frau sah die Verwirrung in meinem Gesicht und begann mir zu helfen, meine Gedanken zu ordnen, indem sie mir ein Buch zeigte, das sie plötzlich in der Hand hielt. Sie hielt das Buch so, dass ich den Titel lesen konnte, ohne es in die Hand nehmen zu müssen. Wie Moses, der dem Volk der Israeliten zum ersten Mal die zehn Gebote zeigte?
Das Buch war stark abgegriffen, fleckig und an den Rändern leicht beschädigt. Ich begann der wortlosen Aufforderung, zu lesen, Folge zu leisten. Ein letzter Blick in die nun mit gespannter Erwartung gefüllten Augen der Frau – und ich las:
Billig, schnell und schmackhaft KOCHEN!
Darunter, las ich weiter, von Hand geschrieben: Fritz N.. In dem Moment, da ich den Namen meines Bruders las, der vor Jahren tödlich verunglückt war, wurde alles um mich herum hell. Sämtliche Menschen, die im Raum anwesend waren, verschwanden, wurden unsichtbar, nur das Buch war da, von ebenso unsichtbarer Hand gehalten.
Ein unglaubliches Gefühl wurde in mir frei, ein Gefühl, das ich mit nichts vergleichen kann. Meine spärlichen Erinnerungen an meinen Bruder blitzten förmlich durch meinen Kopf, alles in mir raste in die Vergangenheit. Ich erkannte die Frau wieder, diese Frau, die vor mir stand und nun langsam mit den anderen Personen wieder in den Raum zurückkehrte, wieder sichtbar wurde.
Maria!!! Maria, wie meine Mutter!
Maria war damals Dienstbote auf einem Bauernhof im Luegergraben und die große Liebe meines Bruders Fritz gewesen. Nur sein plötzlicher Tod verhinderte, dass diese Frau, die nun mit Tränen in den Augen vor mir stand, meine Schwägerin geworden ist.
Ungeheure Sympathie und der Rest einer Erinnerung an meine kindliche Liebe zu ihr zwangen mich, diese Frau zu umarmen und an mich zu drücken. Wärme, Geborgenheit und mütterliches Geliebtwerden durchströmten meine Seele, vermischt mit gemeinsamer Trauer um Verlorenes, das im Augenblick unserer Wiederbegegnung wieder auferstand. Nach vierundvierzig Jahren.


Mein Bruder Fritz kam am 31. Mai 1952 im 19. Lebensjahr durch einen tragischen Unfall auf der Fahrt zu einem Jugendtreffen nahe Linz zu Tode. Damals – ich war sechs Jahre alt –nahm Maria mich mit auf den Bauernhof, auf dem sie arbeitete .Sie umsorgte mich, neben ihrer harten Arbeit als Dienstbote, eine Woche lang. In dieser Zeit ergab es sich, dass wir zusammen in einem Bett schliefen.

Dezember 1996

29.11.2011 12:13

...diese Geschichte hat mir so die Tränen laufen lassen,
sie ist durch und durch ergreifend. Wunderbar geschrieben.
Erst Stille. Dann mächtigster Applaus.
Meister Anton, ich verbeuge mich vor Deiner Erzählkunst.
Liebe Grüße von Dorothea
kitkat
29.11.2011 12:29

...diese Geschichte
passiert jeden Tag irgendwo auf der Welt, immer wieder rührt uns so etwas an.Das was außergewöhnlich an Deiner Geschichte ist, ist, das es Deine Geschichte ist und das Du sie so wunderbar bildlich erzählst das man glaubte man wäre dabei gewesen!
Diese Geschichte ist auch eine schöne Weihnachtsgeschichte, danke Dir dafür. Es tut mir sehr leid wegen des frühen Todes Deines Bruders, ist eine ganz schlimme Geschichte.

Liebe Grüße von Jutta

29.11.2011 13:42

Vielen
herzlichen Dank an Euch zwei Lieben! Diese Geschichte hat s Leben geschrieben ich hab sie nur in Worte gefasst! Mein Bruder Fritz war mein liebster Bruder udn einer von 11 anderen.Liebe Grüße, Anton
zullr
29.11.2011 14:18

-
Dominique
29.11.2011 21:52

-
Ich kann mich am beste wie Rolli ausdrücken

30.11.2011 07:24

vielen Dank
an die zwei Herzerln!!!!
dieobjektive
12.12.2011 09:42

-
Wow ist das schön...da wird man gleich verlegen und nachdenklich

12.12.2011 14:03

Vielen
Dank liebe Frau! Wie ich schon erwähnte es ist eine Geschichte die dsa Leben schrieb!LG Anton

 


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