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ForumEpik & DramatikDer Wasserhahn

Der Wasserhahn

davidwallmann
24.05.2009 23:39

kleine Kurzgeschichte von mir, viel Spaß


„Ich kann keine Toten mehr sehen!“, soufflierte sich der Tod.
Er musste wieder Überstunden machen.
Dabei tippte er auf die Tastatur des Schicksalscomputers.
Der Bildschirmschoner -welcher ein Nacktbild von Paris Hilton zeigte- verschwand, ein Piepen erklang und auf dem Bildschirm plobbte ein Fenster mit einer Fehlermeldung auf:
„Error 323“
Der Tod knurrte.
Nun meldete sich das interdimensionale Virenprogramm Fegefeuervir zu Wort.
Es plobbte ein weiteres Fenster auf:
„Trojaner Porn666 detected!“
„Ich hab die Schnauze voll!!!“, brüllte der Tod und schlug mit seiner Sense gegen den Computer.
Im selben Moment passierte auf der Erde etwas unlogisches.
In den Weiten der Sahara. An einem toten Ort, wo selbst die glühend heißen Sandkörner Sehnsucht nach Wasser verspürten und so die Wellen des Meeres nachahmten.
Genau dort passierte es.
In dieser verdorrten Gegend tauchte nämlich ein kleiner Wasserhahn auf, der sich verwundert umschaute.
„Wo bin ich? Was ist der Sinn meiner Existenz? “, fragte sich der Wasserhahn. Da wurde ihm bewusst, dass er sich leer fühlte. Plötzlich blitzte ein Bild vor seinem inneren Auge auf. Eine ferne Erinnerung vielleicht. Es war das Bild vom fließenden Wasser, das aus seinem Mund strömte.
So begab er sich auf die Suche nach diesem magischen Ding, das Wasser hieß.
Er hüpfte durch die Wüste. Traurig war er und einsam, doch verlor er nie das Ziel aus den Augen.
Einmal stürmte der Sand um ihn so heftig, dass er darunter begraben wurde, doch er raffte sich auf und wälzte sich solange, bis er das Tageslicht erneut sah.
Viele Wochen hüpfte er so durch die dürre Landschaft, bis er eines Tages auf einen Mann traf, der sanft lächelnd, in die Meditation vertieft, da saß.
Er bemerkte den Wasserhahn gar nicht.
Erst als dieser leise sagte:
„Entschuldigung guter Herr, könnten sie mir vielleicht sagen, wo ich Wasser finde?“
regte sich der Mann und sprach nachdenklich:
„Alle Dinge haben einen Namen. Du bist ein Wasserhahn. Das sind Sandkörner. Oh, die Bramahnen hatten so unrecht, nicht die geistigen Dinge sind es, sondern die weltlichen, die uns glücklich machen ...“
„Ähm, entschuldigung, aber ich hab sie etwas gefragt“, unterbrach der Wasserhahn die Worte des Mannes.
„Gewiss, mein Name ist Siddartha. Den Fluss, der hier fließt, den siehst du wohl nicht? Hörst du denn nicht die Worte des Flusses, er spricht mit mir. “
Der Wasserhahn räusperte sich und sprach:
„Ich will ihnen ja nicht zu nahe treten, aber da ist kein Fluss, nur die Wüste“
Als der Wasserhahn diese Worte gesprochen hatte tauchten wieder Bilder in ihm auf, verborgene Remineszenzen aus einer trüben Vergangenheit, als noch das Wasser durch ihn floss.
Menschen mit Bierbäuchen, welche sich unterhielten über Wasserknappheit in der dritten Welt.
“Wahrlich, Weise sind deine Worte oh Wasserhahn, doch ist es nicht so, dass eines jeden Leben wie ein Fluss ist. Es strömt unaufhörlich abwärts, nun kann man mit dem Strom schwimmen, dann wird einem das Leben angenehm, aber wenn man unaufhörlich gegen den Strom schwimmt, dann wird man schnell schwach und bewegt sich kein Stück. “
Der Wasserhahn sagte:
“Du bist ein Feigling. Traust du dich etwa nicht gegen den Strom zu schwimmen?”
“Deine Worte klingen wie die der Kindermenschen. Mir scheint für dich ist dies Gespräch nur ein Spiel. Ich kann sehr viel. Ich kann fasten. Ich kann geduldig sein. ...”
“Das ist ja alles sehr schön Siddartha, aber du hast mir meine Frage immer noch nicht beantwortet.
Wo ist hier Wasser?”
Da antwortete Siddartha nachdenklich:
“Wir sind alle Wasser. “
Der Wasserhahn schrie:
“Du bist sowas von verbohrt. Kannst du mir denn nicht einmal eine normale Antwort geben, ohne diesen philosophischen Müll!! “
Entsetzt starrte Siddartha den Wasserhahn an.
“Aber die Antwort gab ich dir doch schon. “
Der Wasserhahn schüttelte sein gebogenes Haupt und sprach:
“Vergiss es einfach. “, dann hüpfte er davon, aber hinter ihm ertönte Siddarthas Stimme:
“Das ist es! Mein Freund ich danke dir, du hast mir die Augen geöffnet. Ich sollte einfach vergessen. “
Der Wasserhahn drehte sich um.
“Lass mich in Ruhe du Psychopath!”
“Ja verstehst du denn nicht Wasserhahn, das Vergessen ist das Nirwana. Danach hab ich immer gesucht! “
Der Wasserhahn schaute Siddartha ängstlich an. Dies war eindeutig ein Psychopath.
“Nein du verstehst nicht!”, sagte er dann. “Du bist auf der Flucht vor deinem wahren Ich, dein wahres Ich können dir nur andere Menschen zeigen, aber vor genau denen bist du auf der Flucht. “
Siddartha lächelte und sagte:
“Oh Weiser Wasserhahn, lass mich dich küssen, deine Worte reinigten meine Seele!”
Der Wasserhahn hüpfte entsetzt einige Meter von Siddartha weg.
“Bleib mir fern!”, sprach er mit zittriger Stimme.
Da hatte der Wasserhahn einen Geistesblitz. Bestanden nicht diese Menschen zum Großteil aus Wasser.
Ohne weiter darüber nachzudenken sprang er mit voller Wucht gegen die Brust von Siddartha und bohrte sich in sein Herz.
Dieser schaute entsetzt an sich herab, sein Darm entleerte sich und dann kippte er tot um.
Welch eine Wonne dies für den kleinen Wasserhahn war. Endlich strömte wieder Flüssigkeit durch ihn. Es war zwar kein reines Wasser, sondern nur dickflüssiges Blut,
doch es machte ihn glücklich. Endlich musste er nicht mehr den wirren Worten Siddarthas lauschen. Es war endlich still. Nur das leise Rieseln der Sandkörner in der brennend heißen Sonne war hörbar und natürlich das Plätschern des Blutes.
Es dauerte nicht lang, da erschien eine schwarze Gestalt, die ein mürrisches Brummen von sich gab.
“So eine Scheiße aber auch wieder, verdammter Mist. Da wandere ich bis ans Ende der Welt, nur um einen mikrigen, magersüchtigen Toten abzuholen. Ja, bin ich denn nur von Bekloppten umgeben, der hat sich doch tatsächlich einen Wasserhahn in die Brust gebohrt. Wie bescheuert kann man denn sein. Ach, ich mach das nicht mehr lange mit. “, fluchte die schwarze Gestalt.
Der Wasserhahn beobachtete sie dabei.
“I... Ich war es ...” , stammelte er ganz leise vor Angst.
Da hob der Tod seinen Kopf und schaute mit seinen schwarzen Augenhöhlen den Wasserhahn an.
Er streckte seinen knöchernen Zeigefinger in Richtung des Wasserhahns.
“Du bist unlogisch. Dich dürfte es in der Praxis gar nicht geben. Entweder ich hab ein Burnoutsyndrom, oder du bist von dem Trojaner produziert wurden.Das werden wir gleich haben!”
Der Tod holte unter seinem schwarzen Umhang einen Laptop hervor, klappte ihn auf und schaltete ihn an.
Der Wasserhahn beobachtete ihn interessiert dabei, während er versuchte sich aus dem starren Körper Siddarthas zu befreien.
“Was machst du da?”, fragte er den Tod.
“Ich lösche dich!”, murmelte der Tod mürrisch, während er auf die Tastatur tippte.
“D ... das kannst du nicht machen! Ich bin nicht verrückt, jeder Wasserhahn braucht etwas, das durch ihn fließt! Außerdem war er nur ein Psychopath, namens Siddartha! ”, stammelte der Wasserhahn.
Der Tod blickte auf.
“Es ist schlimmer, als ich angenommen habe. Verdammt! Du hast den Protagonisten eines literarischen Klassikers ermordet! Ist dir überhaupt klar, was du getan hast? “
“Nein. “, sagte der Wasserhahn.
“Du hast den Schicksalscomputer vollkommen überlastet, jetzt berechnet er das Schicksal aller Menschen neu und ich muss die Festplatte formatieren!”
Der Wasserhahn verstand kein Wort von dem, was der Tod sagte.
So geschah es, dass die Welt neu installiert wurde.
artep-gnitlon
08.06.2010 23:21

-
.was sich so alles hier in den tiefen versteckt..

schon spannend und erfischend zu lesen...

24.12.2011 12:23

fantastisch
jetzt erst gesehen! Bin begeistert!
kitkat
03.02.2012 17:22

*
Eine sehr interessante Sichtweise und kurzweilig erzählt. Macht mich neugierig.

 


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