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ForumEpik & DramatikEule, Spatz und früher Morgen

Eule, Spatz und früher Morgen

Christophorus
06.10.2009 11:59

Grüßt euch,

Ich bin neu im Forum, ich bin über Juliet hierher gekommen. Als erstes poste ich hier eine Geschichte, die Juliet schon kennt und für die Sie auch schon ein paar Illustrationen gezeichnet hat. Diese zu posten möchte ich aber JT überlassen.
Das Ende der Geschichte ist noch etwas zu überarbeiten, ansonsten bin ich ganz zufrieden. Meine Idee geht von einer Triologie aus: Der Spatz erzählt eine Geschichte, der frühe Morgen und die Eule.

Für ernsthafte Kritik und ehrliche Meinungen bin ich dankbar.

Über den Bergen ging die Sonne auf, und über den Dächern der Stadt traf die Eule einen Spatz, um mit ihm den Tag zu besprechen. Der Tag, er erwachte grade, war noch früher Morgen, erzählte leis und nur vom Herzen hörbar, von jenen Dingen, welche er, bis zum Abend hin, für diese Welt erdacht hatte. Der Spatz dagegen trillert laut, gerade so, wie es seine Art ist, und weiß zu berichten von all jenen Untaten und Ungehörigkeiten des gestrigen Tages und aller Leute, eben dies, was die Spatzen gemeinhin von den Dächern pfeifen. Die Eule aber sitzt und schweigt, sitzt fest der Wetterfahne, auf einem Gibelchen, verbunden, und ist nicht mehr als ein Kupferglanz im ersten Sonnenschein.


Der Spatz machte sich neben der Eule breit, wichtig plusterte er sich auf und ließ einen weißschwarzen Kleks auf das Gibelchen unter ihm fallen. Die Eule erwachte aus der Starre, welche ihr das Kupfer, aus dem sie gefertigt war, die meiste Zeit des Tages auferlegte. Sie streckte sich, soweit es eben ging, und begrüßte den Tag, der über den Horizont stieg. Der Tag, verschlafen, verträumt, strich sein Licht über den noch nächtlich dunklen Himmel.
„Guten Morgen, guten Morgen!“ trillerte der Spatz und flatterte mit seinen Flügelchen, „Frau Eule, der Tag kommt, mit jedem Mal, dass er am Abend geht, am anderen Morgen später. Ich fürchte, der Sommer neigt sich seinem Ende, denn die Nächte werden kühler und die Spatzen unter meinem Dachfirst richten sich zum längeren Schlaf. Seht, ich bin der Erste, ich kann nie lange ruhen, ganz im Gegensatz zu den Anderen, das faule Pack murrt nur und schläft weiter.“ Er plusterte sich nochmals auf und schaute die Eule wichtig an, doch sie sagte nichts. So fuhr er fort: „Verehrteste, Ihr sagt nichts, so will ich meinen, Ihr wäret meiner Meinung. Ich möchte Ihnen versichern, wir Spatzen sind ein freies Volk, sind niemandem Untertan. Doch vor Ihnen, Frau Eule, da will ich mein Schnäbelchen neigen.“ Und der Spatz machte einen ungeschickten Knicks vor der kupfernen Eule.

Die Spatzen des Schwarms wussten freilich von seiner Liebelei auf der Wetterfahne, denn er besuchte schon seit einiger Zeit jeden Morgen die alte Eule, doch der Spott der anderen Vögel beirrte ihn nicht in seiner beharrlichen Verehrung.
Die Eule erwiderte noch immer nichts, kein Wort und auch keines seiner Gefühle, die er hegte, sodass beide eine Weile schwiegen. Bald aber wurde dem Spatz die Zeit lang, denn die Stille war nie sein Metier gewesen, und er begann von Neuem zu schwatzen: „Frau Eule, immer hocken Sie hier oben, nie sehe ich Sie zum Dorf herunterfliegen, bei Wind und Wetter sitzen Sie auf Ihrer Fahne, harren allem Unbill aus ohne auch nur einmal fortzuweichen. Das weckt ein wenig Mitgefühl in meinem Herzen, denn Sie sollten wissen, dass die Welt unten im Dorf voller Geschichten ist und die Menschen voller Tollheit sind, ich könnte Ihnen vieles erzählen. Gerade gestern, Sie können es kaum erfahren haben, gestern fand eine Begebenheit ihr Ende, die will ich Ihnen gern erzählen.“ Und der Tag rückte ein wenig näher an die beiden heran und hörte, was der Spatz zum Besten gab.


„Seht Ihr, dort unten, an der Hauptstraße, neben dem Kaufmannsladen steht ein schmales, hohes Haus aus roten Ziegeln mit kleinen Fenstern und einer Bank davor. Dort sitzen den ganzen Nachmittag zwei Frauen die eine ist die Tochter, jung und dürr, die andere ist die Mutter, alt und faltig. Und obwohl die Beiden den lieben, langen Tag auf ihrer bank an der Straße sitzen und nie an anderer Stelle im Dorf zu sehen sind, wissen sie von allem, was im Dorf und in den Feldern geschieht und oft, zu oft, wie ihr hier erfahren werdet, wissen sie sogar mehr, als tatsächlich geschehen ist. Denn diese beiden Frauen sind das, was gemeinhin als Dorftratschen bezeichnet wird, mit ihnen redet jeder, der an dem kleinen Haus vorbeikommt, jeder bietet ihnen seine Neuigkeiten feil und erntet dafür ein paar neue Geschichten, die vorher andere Dorfbewohner, so oder ähnlich, erzählt hatten.

Nun hatten die beiden Weibsen aber so gar keine Freude an den guten Begebenheiten, sondern allein an den schlechten, an dem Schaden der anderen und den Dummheiten, welche die Menschen im Laufe ihrer Tage vollbringen. An jenen Tagen, wo nichts geschah, wie die heißen Tage im August, an denen den Menschen alles zu faul ist, selbst die Dummheit, wo ein jeder, dem es Möglich ist, seine Zeit im Schatten verbringt, spinnen die Tratschen ihre eigenen Geschichten und verbreiten diese als Gehörtes, als Wahres, als Bekanntes.
An ebend einem solchen Augusttag, als die beiden Weibsen mal wieder gar nichts zu erzählen hatten und die Hitze unter ihrem kleinen, fleckigbraunen Sonnenschutz beinahe unerträglich wurde, kam die Schwägerin vom Martinsbauern die Straße längs, ihren großen Einkaufskorb im Arm tragend. Sie grüßte kurz angebunden, denn Sie hielt keine großen Stücke auf die Neuigkeiten der Frauen und schritt eilig an ihnen vorbei, doch die Jüngere der beiden sagte, ganz an die Ältere gerichtet, doch gerade laut genug, das die Schwägerin es hatte hören müssen: „Ach, es ist doch zu traurig, was dem Martinsbauern für ein Gesichtsverlust droht, wenn die Leute von seiner Liebschaft mit der Magd vom Huberbauern erfahren.“ Worauf die Ältere, ohne von ihrer Häkelarbeit aufzusehen, nuschelte: „Bei dem seiner Frau ist es aber kein Wunder. Faul soll sie sein und während er in Hof und Feld ackert, wirft sie das schwer erwirtschaftete Geld in der Stadt zum Fenster heraus.“
Die Schwägerin des Martinsbauern biss die Zähne zusammen und ging noch eiliger weiter und verschwand, zornesrot, im Kaufladen. Die beiden gehässigen Weibsen kümmerten sich nicht darum.

Am frühen Abend erfuhr der Martinsbauer, von seiner Schwägerin vorgewarnt, dass das Gerücht der beiden Tratschen dem ganze Dorf die Langeweile vertrieb und, mangels anderer Ereignisse, beinahe ausschließlich darüber getuschelt wurde.

Am Stammtisch im Gasthof „Zum heiligen Hirschen“ lachten die Bauern mit roten Köpfen und vollen Bierkrügen in den Händen und malten sich, nun wahrlich nicht ohne Vergnügen, aus wie es dem Martinsbauer an diesem Tage wohl bei seiner Frau erginge.
Als der Martinsbauer, ein wenig später als sonst und blass im Gesicht, am Stammtisch erschien, wurde es still. Er stützte beide Arme auf den schweren Eichentisch und sagte leis und zornig: „Jetzt passt's mal auf, Saubande! Lacht ihr nur und vergnügt euch mit den Lügengeschichten der alten Tratschen, die eure Weiber euch zum Abendbrot servieren.“ Er schaute dem Huberbauern in die Augen: „Du, Huber, sitzt hier und lachst mit? Wie stehst du zu deinen Mägden, das dir diese Geschichten noch Freude bereiten? Mir reicht's, ich hab den Hals voll von den Lügen, von der ständigen Nachrede und dem Gewäsch verbitterter Jungfern. Wir müssen ihnen eine Lehre erteilen.“
Kurze Zeit waren die Männer still, doch der Martinsbauer stand weiter da, die von der Sonne und Arbeit gebräunten, furchigen Hände am Tisch und wartete. Die anderen Bauern sahen nun einer nach dem anderen weg, und dann wendeten sie ihren Blick dem Bürgermeister zu, der gegenüber dem Martinsbauern, am Kopf des Tisches saß. „Ja“, sagte er, „jetzt mach doch nicht so ein Theater um das Gezeter der alten Weibsen. Jeder im Dorf weiß, dass das alles nur ein Schmarren ist. Komm, trink ein Bier und vergiss die Geschichte.“ Der Martinsbauer entspannte sich plötzlich und ein Grinsen breitete sich in seinem Gesicht aus. „Ah, Bürgermeister, du hast Recht. Dann hast du sicher noch nicht erfahren, warum deine Frau seit drei Monaten in Mailand ist? Die dicke Untermairbäuerin hat dieser Tage einige unangenehme Geschichten von den beiden Weibsen gehört, die kann ich dir jetzt gern erzählen.“
So dauerte es kaum eine halbe Stunde, bis die Männer sich darauf geeinigt hatten, das etwas zu unternehmen sei und weitere zwei Stunden diskutierten sie, anfangs nüchtern und ernsthaft, später im Rausch von Bier und Schnaps, allerlei Vorschläge und Dummheiten, wie man den Weibern das Tratschen austreiben könne. Als alle keinen Rat mehr wussten und der Wirt die leeren Stühle auf die Tische stellte, machte der Dorflehrer, vom Wein ermutigt, einen Vorschlag, der von den Bauern, ob der späten Stunde, ohne Wiederrede angenommen wurde.

So kam es, dass an einem verregneten Septembertag der Lehrer das Dorf verließ, um einige Zeit in der Stadt zu verbringen. An diesem Tage saßen die beiden Frauen nicht vor ihrem Haus, wie sie es bei besserem Wetter taten, aber sie ließen die große Eingangstüre geöffnet und ab und an schaute eine der beiden Tratschen über die Straße, ob nicht irgendjemand durch die nassen Gassen eilte.

Am späten Nachmittag, als der Regen seine Kraft verlor und nur mehr als feiner, feuchter Nebel über dem Dorf hing, ging ein in bunte Lumpen gekleideter Mann die Hauptstraße entlang. Auf dem Kopf trug er einen nach vorn spitz zulaufenden Hut, an dem eine nasse Feder schlapp herunter hing. Seine Schuhe waren alt und abgewetzt und seine Hosenbeine voll der Flicken. In seinem Gesicht prangte ein großer, schwarzer Schnauzbart, das lange, ebenfalls schwarze Haar trug der Mann zu einem Zopf gebunden. Er zog einen hölzernen Karren hinter sich her, auf dem er einige, kleine Käfige gestapelt hatte.
Die jüngere der beiden Frauen erblickte den Vogelfänger, der er war, und wartete, gleichgültig den Regen betrachtend, bis er nah genug war, sie der Höflichkeit wegen grüßen zu müssen. Er zog, wortlos lächelnd seinen Hut, worauf die Tratsche den Gruß erwiderte und sich neugierig erkundigte: „Darf ich fragen, Herr, was Sie bei diesem Wetter in unser Dorf treibt?“ Der Vogelhändler blieb stehen und blickte bescheiden zu Boden, als er antwortete: „Gnädige Frau, im weitesten Sinne ist es das Wetter, das mich in Ihr beschauliches Dorf treibt, denn ich suche, für mich und meine Vögel,“ er wies auf die Käfige, „Unterkunft und Schutz vor dem Regen.“ Er zog seinen Hut und wollte sich empfehlen, um sich im Dorfkrug eine Kammer zu mieten. Die Tratsche aber hatte heut den ganzen Tag noch niemanden auf der Straße angetroffen und redete ihm zu, doch wenigstens das Ende des Unwetters abzuwarten. Bei ihr, im Innenhof des Hauses, wäre es trocken und es würde ihr und ihrer Mutter eine Freude bereiten, einem Gast Speis und Trank anbieten zu dürfen.

Kurze Zeit später saßen die zwei Frauen mit dem Fremden im Hof des Hauses und hörten seine Geschichte: „Ihr möchtet wissen, warum ich durch das Land ziehe? Wie Ihr sicher schon gesehen habt, ist mein Karren mit Käfigen beladen. Ich bin Vogelfänger, ich fange die schönsten Singvögel in Wald und Feld, um diese in den großen Städten zu verkaufen. Es ist für einen Mann meines Standes keine angesehene Arbeit, doch meine dem Gast beschiedene Bescheidenheit verbietet mir, euch mit meinem Jammer zu belästigen.“ Die beiden Frauen protestierten und versicherten ihm, das er ihnen nicht zur Last falle mit seinen Geschichten. An Tagen wie diesen, so sagten sie, wäre alles Recht, was ihnen die Zeit etwas vertriebe. Der Mann nahm einen Schluck vom heißen Tee, den die ältere Frau inzwischen gebracht hatte.

Dann erzählte er, was ihm widerfahren war: „Ich komme von weit her, aus dem Innersten unseres schönen Landes, dort bin ich der Sohn einer angesehenen Familie, mein Vater ist Kaufmann, er liefert Waren an die ganze Welt. Ich hatte ein gutes Leben und konnte mir leisten, was mir gefiel. Meine Verlobte war eine schöne Frau aus reichem Hause, es gab keine Wünsche, die ich mir nicht erfüllte. Doch eines Tages verbreitete sich ein Gerücht in meinem Heimatdorf, welches von einer Liebschaft berichtete. Und obwohl niemand etwas Wahres wusste, lies man mich merken, das meine Frau mit einem Knecht aus dem niederen Stande ihre Begehrlichkeiten teilte. Nun wollte ich meiner schönen Frau kein Unrecht tun, doch die Eifersucht und das Misstrauen in meinem Herzen raubte mir alle Lebenslust.
Doch in dieser Zeit war ein fremder Händler in unserem Ort zu Gast, ein Vogelfänger, wie ich es heute bin. Er war ein freudiger Geselle und wenn er mich mit meinem von trüben Gedanken verfinsterten Gesicht über den Marktplatz gehen sah, grüßte er stets und rief mir zu: „Herr, ich weiß was Sie bedrückt, ich könnte Ihnen helfen.“ Als er mich das dritte oder vierte Mal so rief, antwortete ich: „Mich heitert kein Vogelgesang auf, Händler. Spar dir deine Grüße für deine Kundschaft auf.“ Doch diesmal ließ er mich nicht vorüber gehen. Der Mann kam hinter seinem Stand hervor, fasste mich vertraulich an der Schulter und flüsterte: „Ich weiß von der Unwissenheit, die dein Leid verursacht. Ich kenn alle Leute und alle ihre Gedanken und ich weiß, was dein Denken umnachtet.“

Ich wurde Neugierig und verabredete mich am Abend mit ihm. Der Vogelfänger erzählte mir von der Liebschaft meiner Frau, und noch einiges anderes, auch von meinen Mitmenschen im Dorf und den Vertrauten meines Vaters in der großen Handelskompanie. Und, was soll ich sagen, die Schlechtigkeit, die Missgunst der Menschen um mich machte mich sprachlos. Ich bedrängte den Händler, mir zu verraten, woher er all dies wüsste, und am späten Abend zeigte er mir sein kleines Wunder: einen kleinen, feisten Spatz, den er in einem hölzernen Käfig hielt. Mir war sofort klar, das ich diesen Vogel haben musste, ich wollte nie mehr auf die Verlogenheit der Menschen hereinfallen. So bot ich dem Mann mein ganzes Vermögen für diesen Spatzen und letztendlich willigte er ein. Und ich zog, an seiner statt, bei Nacht und Nebel aus meiner Heimat fort.“
(Absatz)
Die beiden Frauen bedauerten sein hartes Schicksal und beteuerten ihm, dass sie in ihrem Dorfe immer alles Menschenmögliche getan hätten, um der Missgunst und der üblen Nachrede Einhalt zu gebieten. Als sich der Vogelfänger zum Gehen anschickte, hielt ihn die jüngere Tratsche zurück und bettelte, den Spatz zu sehen. Sie wolle seine Wundertätigkeit einmal mit eigenen Augen gesehen haben. Der Händler zierte sich und gab erst nach dem eindringlichem Zureden der Alten nach. Er zog einen kleinen, hölzernen Käfig aus seinem Wagen und zeigte den Frauen einen zahmen Spatzen, dessen Flügel gestutzt waren, dass das Tier nicht fort fliegen konnte. Der Vogelfänger öffnete das Käfigtürchen und ließ den Vogel auf dem Tisch herumhüpfen, wo er emsig begann, die Reste des Teegebäcks aufzupicken. Die beiden Frauen wollten nun das Wunder sehen, wollten hören, wie der Spatz noch die geheimsten Geheimnisse erzählte und drängten ihren Gast zu einer Vorführung. Er nahm den Spatz in seine Hände und hielt ihn sich an eines seiner Ohren. Er lauschte aufmerksam dem Gezwitscher des Vögelchens. Dann setzte er den Vogel in den Käfig zurück und erzählte den Frauen alles Gewäsch, das in den letzten Wochen im Dorf zu hören gewesen war. Zu guter letzt erzählte er die Geschichte vom Martinsbauern und dessen Liebschaft und wären die beiden Frauen nicht gar so begierig auf das Wissen des Vogels gewesen, sie hätten spätestens bei diesem Gerücht merken müssen, das der Vogelfänger ein Betrüger war. Aber ihre Gier macht sie blind und taub. Die Tochter fragte, ihre Gier kaum verbergend, ob sie es nicht auch einmal versuchen könne. Er öffnete den Käfig und gab ihr den Vogel in die Hand. Sie hielt ihn eine Weile an ihr Ohr und sagte enttäuscht: „Herr, ich verstehe nichts:“

Die Alte schalt ihre Tochter eine taube Nuss und nahm den Vogel schnell an sich. Auch sie horchte eine Weile. „Herr, wir hören nichts von dem, was Sie uns verheißen haben. Der Vogel schweigt.“ Der Vogelfänger lächelte und erklärte: „Ich muss mich entschuldigen, dass ich vergaß, ihnen die Besonderheit des Vogels zu erzählen: Nur der kann den Gesang des Spatzen verstehen, der ein ganzes Jahr ohne die geringste Lüge lebt, kein falsches Wort darf seine Lippen verlassen. Doch ist dies nicht alles. Auch eine Wahrheit, von der man weiß, die man aber dennoch verschweigt, ist Lüge genug, dass der Spatz nimmer seine Geschichten erzählt.“

Er erhob sich und wandte sich erneut zum Gehen, doch die Jüngere hielte ihn am Arm fest und die Ältere bettelte darum, den wundertätigen Vogel von ihm erwerben zu dürfen. Sie böte ihm alles, was sie hatte und zum Schluss holte die Alte ein kleines Säcklein hervor und schüttete ein Häuflein Gold- und Silberstücke auf den Tisch. „Bitte, Herr, nehmen Sie dies und lassen Sie uns den Vogel.“ So nahm der Händler letztendlich das Gold und Silber hin und ließ den Tratschen den Spatzen. Dann packte er seine Sachen und ging auf die Straße hinaus. Die Frauen sahen ihm hinterher, bis er den großen Torbogen hinter sich ließ und das Dorf, trotz der hereinbrechenden Dämmerung, verließ.



Das Wetter besserte sich bald drei Wochen nicht mehr, es regnete jeden Tag und ein kalter Wind beherrschte die engen Strassen des Dorfes. So kam es, das die beiden Frauen in dieser Zeit keine Seele trafen. Es fiel ihnen Leicht, keine Geschichten mehr zu erzählen, keine Halbwahrheiten, keine Lügen mehr. Derweil fütterten sie den Spatzen mit den besten Kuchen und Krumen und gaben ihm von allem reichlich, auf das er sich wohl fühle bei ihnen.


Als dann die Kälte verschwand und die Leute wieder öfter unterwegs waren, als die Sonne wieder die Strasse beschien und die Wände der Häuser den Tag über wärmte, setzten sich auch die beiden Tratschen wieder unter ihren kleinen Sonnenschutz, auf ihre Bank und grüßten die Leute, die des Weges zogen. Mit den Leuten kamen auch die Geschichten wieder zu den Tratschen, der ein oder andere aus dem Dorf gesellte sich zu ihnen und erzählte was er gehört oder erlebt hatte.
Und es kamen wieder die Leute, die nicht nur das ein oder andere Wort wechseln wollten, sondern begierig auf den Tratsch und die Mißgunst waren, den die beiden bisher verbreitet hatten. Bevor sie den wundertätigen Spatzen erworben hatten, war alles, was sie erzählten, vom Ungewissen umwoben, nie wussten sie etwas genaues, doch immer genug, um es zu erzählen.
Die Bäuerinnen und Mägde, die sich daheim langweilten und zum Zeitvertreib im Mist der anderen gruben, besuchten die beiden Tratschen wieder, luden sich auf eine Tasse Tee ein und fragten, ganz wie sie es früher getan hatten, nach den Geschehnissen und Gerüchten, die im Dorf umeinand trieben. Aber die Gier der Weiber auf die Geheimnisse der anderen und die Bewandniss des Spatzen, nur dem Ehrlichen diese zu erzählen, zwangen sie nun, alles, was sie hörten und sahen Wahrheitsgetreu zu erzählen. Sie logen nicht mehr und schmückten nichts mehr aus, ihre Geschichten wurden oft langweilig und trocken. Denn ohne den Schmuck der Lüge und der Lust des Geheimen, des Mitwissers ist die Wahrheit kein geliebter Freund des Erzählers. Auch sonst verrieten sie alles, was sie erfuhren, sie verrieten, von wem sie es wussten und wer über wen etwas erzählt hatte, wenn sie nur danach gefragt wurden. Denn auch das verschweigen von Wahrheiten war Lüge genug.
Es dauerte nicht lang, da mieden die Leute die beiden Frauen. Den beiden war es nur recht, denn ihnen fiel die Ehrlichkeit leichter, wenn niemand mit ihnen redete.

Und am Ende des Jahres nahm die Ältere den Spatzen aus dem Käfig und hielt ihn sich ans Ohr. Und Sie hörte nichts. Nichts ausser dem Schilpen des feisten Spatzen. Sie brauchte nicht lang, um eine Erklärung zu finden: Irgendwann meine von ihnen unbewusst gelogen haben. Also zog sich die Alte noch mehr in ihr Häusschen zurück, mied die Leute, um nicht in die Versuchung der Lüge zu kommen.

Die Jüngere aber ging nun immer öfter ins Dorf, zuerst der täglichen Besorgungen wegen, später der Langeweile daheim wegen. Und da Sie nun von einer auf der Welt seltenen Ehrlichkeit umgeben war, fand Sie im Dorf neue Freunde statt der anderen Tratschweiber, mit denen Sie sich bisher abgegeben hatte, und bald interessierte Sie sich kaum noch für das, was Jene Frauen im Dorf schnatterten, fand einen Mann, der Sie ehrlich liebte, heiratete und vergas alsbald den Spatzen und seine Bewandniss.

Die alter Frau aber war nur mehr eine Verrückte im Dorf, die mit einem feisten Spatzen sprach.
artep-gnitlon
06.10.2009 14:15

-


wow eine lange Geschichte--und wirklich interessant und spannend geschrieben--

es lohnt sich sie zu lesen-

ohh-entschuldige--ein Herzliches Willkommen von mir.

06.10.2009 17:08

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super gemacht.........................
Christophorus
06.10.2009 19:14

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Vielen Dank für das Lob!
Ohne die Hilfe von Juliet und einer Freundin aus meinem Gitarrenforum wär die Geschichte nur halb so gut. Am Schluss muss ich noch arbeiten. Dann folgt ein Zwischenspiel, und zwei weitere Geschichten, die aber noch nicht geschrieben sind.

Wenn die Triologie fertig ist werde ich konzentriert daran arbeiten ein Hörspiel daraus zu machen.
artep-gnitlon
06.10.2009 20:10

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hast du es schon mal Kindern vorgelesen??

Darf ich es mal ausdrucken?-ich finde es eine sehr lehrreiche Geschichte-und mein Sohn (9)--liest sehr gerne--mal sehen was er dazu sagt?--
Polarwolf
06.10.2009 20:52

Hey...
....Auch von mir ein herzliches Wilkommen!
Kompliment!! Eine sehr fesselnde Geschichte
Christophorus
07.10.2009 16:45

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@petra-nolting: Freilich darfst du die Geschichte ausdrucken. Bin gespannt, was deine Kinder dazu sagen.
@Polarwolf: Danke

 


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